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Agentic AI im IAM: Hype, Realität und die Fragen, die noch keiner beantworten kann

agentic ai im iam
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Tim Lipphardt
Head of Consulting

Das Wichtigste in Kürze

Agentic AI krempelt das IAM um

KI-Agenten handeln eigenständig, treffen Entscheidungen und greifen auf Systeme zu. Das verändert, wie wir über Identitäten, Berechtigungen und Zugriffskontrolle nachdenken müssen.

Neue Identitäten, neue Spielregeln

Nicht nur Menschen brauchen Identitäten. KI-Agenten werden zu eigenständigen Akteuren in der IT-Landschaft und brauchen eigene Credentials, Berechtigungen und Lebenszyklen.

Cool, aber bitte mit Augenmaß

Agentic AI kann IAM-Prozesse enorm beschleunigen. Wer aber blind auf den Zug aufspringt, ohne vorher die Basics im Griff zu haben, schafft neue Probleme statt alte zu lösen.

Worum geht’s?

Was Agentic AI im IAM eigentlich bedeutet

Agentic AI beschreibt KI-Systeme, die nicht nur auf deine Fragen antworten, sondern eigenständig Ziele verfolgen, Aufgaben planen und Schritt für Schritt umsetzen. Der Unterschied zu einem klassischen Chatbot? Ein KI-Agent wartet nicht auf deinen nächsten Prompt. Er analysiert Situationen, trifft Entscheidungen und führt Aktionen aus.

Übertragen aufs Identity Management heißt das konkret: Ein KI-Agent erkennt, dass Lisa aus dem Marketing ins Produktteam gewechselt ist. Er entzieht ihre alten Berechtigungen, weist die neuen zu, dokumentiert alles sauber und schließt den Vorgang ab. Alles ist automatisiert und im Rahmen klar definierter Governance-Policies. Kein unnötiges Ticket-Pingpong, keine tagelangen Freigabeschleifen ohne Mehrwert, kein manuelles Nacharbeiten in drei verschiedenen Systemen.

In regulierten Umgebungen bleiben Genehmigungsmechanismen, Segregation-of-Duties-Prüfungen und Audit-Trails selbstverständlich bestehen. Autonomie bedeutet hier nicht Regellosigkeit, sondern regelgebundene, nachvollziehbare Ausführung. Die großen Player investieren gerade massiv in diese Richtung. IBM hat mit AskIAM ein Tool gebaut, das Provisioning und Access Requests per natürlicher Sprache abwickelt. Ping Identity bietet dedizierte Lösungen für die Identitätsverwaltung von KI-Agenten an.

Kurz gesagt: Agentic AI im IAM ist nicht nur Zukunftsmusik, es passiert jetzt.

Echter Unterstützung

Wo Agentic AI im IAM heute schon helfen kann

Joiner/Mover/Leaver: Der Klassiker, der nie richtig funktioniert

Jeder in der IT kennt es: Neue Mitarbeitende warten am ersten Tag auf Zugänge, bei Abteilungswechseln bleiben alte Berechtigungen liegen, und beim Offboarding ist der VPN-Zugang noch wochenlang aktiv. Moderne IGA-Systeme automatisieren diese Workflows bereits regelbasiert, aber Agentic AI bringt eine neue Ebene rein. Statt stur ein vordefiniertes Berechtigungspaket zuzuweisen, analysiert der KI-Agent vergleichbare Rollen in der Abteilung und schlägt dem IGA-System ein passendes Berechtigungsset vor. Bei Abteilungswechseln kann er proaktiv prüfen, welche alten Rechte nicht mehr zur neuen Rolle passen, und deren Entzug anstoßen. 

Access Reviews: Vom Kampfprojekt zur Routine

Einmal pro Quartal Hunderte Berechtigungen prüfen und bestätigen, das ist für die meisten Reviewer eher eine lästige Pflicht als echte Governance. Ein KI-Agent kann diesen Prozess deutlich aufwerten, indem er vorab die Zugriffsdaten im IGA-System analysiert, ungenutzte Berechtigungen identifiziert und dem Reviewer eine priorisierte Übersicht mit konkreten Empfehlungen liefert, statt einer endlosen Liste.

Access Requests: Slack Nachricht statt Ticketsystem

Heute bedeutet eine Zugriffsanfrage in vielen Unternehmen: IGA-Portal, Katalog, Antrag, warten. Mit Agentic AI könnte der Mitarbeitende stattdessen einfach in Slack oder Teams beschreiben, was er benötigt. Der KI-Agent übersetzt die Anfrage kontextbasiert, gleicht sie mit bestehenden Policies und dem Rollenkatalog der IGA-Plattform ab und stößt regelbasierte Workflows im Hintergrund an.
In der Praxis sprechen wir hier heute meist von AI-unterstützten Workflows, nicht von vollständig autonomer Policy-Interpretation. Die Governance-Logik bleibt im IGA-System verankert und der Agent fungiert als intelligentes Interface und Orchestrator.

Role Mining: Muster erkennen, die Menschen übersehen

KI-Agenten können die Zugriffsdaten aus dem IGA-System analysieren und erkennen, wenn Berechtigungen seit Monaten ungenutzt sind oder eine Rolle über die Zeit zu viele Rechte angesammelt hat. Das adressiert ein Problem, das manuell kaum lösbar ist: die schleichende Ansammlung von Rechten über Zeit, auch bekannt als Privilege Creep.

agentic ai im iam

Nicht alles ist Gold was glänzt

Die zweite Seite der Medaille: KI-Agenten brauchen selbst Identitäten

Seite eins: KI-Agenten, die deine IAM-Prozesse automatisieren. Access Reviews, Provisioning, Anomalieerkennung. Das ist die offensichtliche Story, die auch jeder Anbieter erzählt.

Seite zwei: KI-Agenten, die als eigenständige Akteure in deiner IT-Landschaft unterwegs sind. Die APIs aufrufen, Daten verarbeiten, Entscheidungen treffen und dabei mit anderen Agenten zusammenarbeiten. Diese Agenten brauchen eigene Identitäten. Und das ist eine Herausforderung, für die unsere klassischen Identity und Access Management Systeme schlicht nicht gebaut wurden.

Was KI-Agenten stattdessen brauchen:

  • Kurzlebige, aufgabenbezogene Credentials, die nach Erledigung automatisch verfallen
  • Nachvollziehbare Delegationsketten, die klar zeigen, welcher Mensch diesen Agenten autorisiert hat
  • Kontinuierliches Monitoring, weil sich das Verhalten eines Agenten nicht so vorhersagen lässt wie das einer klassischen Anwendung

Agentic AI im IAM

Wo wir mal kurz auf die Bremse treten sollten

Jetzt mal Klartext. Wenn du dir die Marketingseiten der großen Anbieter anschaust, könnte man meinen, Agentic AI löst alle IAM-Probleme gleichzeitig. Automatische Risikoerkennung, Selbstheilende Berechtigungsstrukturen, Zero-Touch-Governance, Am besten noch alles in Echtzeit und zum Festpreis.

Die Realität in den Unternehmen, die wir beraten, sieht oft anders aus. Viele Organisationen haben noch keinen vollständigen Überblick über ihre bestehenden Identitäten. Da gibt es Service Accounts, die seit Jahren nicht rotiert wurden. Berechtigungen, die sich über ein Jahrzehnt angesammelt haben. Verwaiste Konten, die niemand mehr zuordnen kann. Und jetzt soll da ein KI-Agent autonom drüber laufen und Entscheidungen treffen?

Wir sagen nicht, dass das grundsätzlich eine schlechte Idee ist. Aber: Wer auf einem wackeligen Fundament baut, multipliziert bestehende Probleme mit KI-Geschwindigkeit. Garbage in, garbage out, nur jetzt halt in Echtzeit.

Dazu kommt ein Aspekt, den die meisten Produktseiten dezent verschweigen: Verantwortlichkeit. Wenn ein KI-Agent einem Nutzer zu viele Berechtigungen zuweist oder einen kritischen Zugriff fälschlicherweise sperrt, wer haftet dann?  

Unterstützung gefällig?

Du hast Fragen rund um Agentic AI im IAM oder willst wissen, wo du am besten ansetzt? Dann schreib uns gerne ganz unverbindlich eine Nachricht und lass Dich beraten!

Let’s do it

Was du jetzt konkret tun kannst

Trotz aller Skepsis: Agentic AI einfach zu ignorieren wäre mindestens genauso falsch wie planloser Aktionismus. Das Thema wird nicht verschwinden. Die Frage ist nicht ob KI-Agenten Teil deiner IT-Landschaft werden, sondern wann. Und damit werden sie auch Teil deiner IAM-Strategie.

Erstmal die Hausaufgaben machen

Bevor du über Agent Identity nachdenkst, sollte dein bestehendes Identity und Access Management solide stehen. Das heißt: ein vollständiger Überblick über alle Identitäten, klare Ownership-Strukturen und automatisiertes Lifecycle Management. Klingt langweilig, ist aber die Basis für alles Weitere.

Non-Human Identities ernst nehmen

Service Accounts, API Keys oder Machine Identities laufen in vielen Organisationen irgendwo unter dem Radar und bekommen selten die Aufmerksamkeit, die sie verdienen. Wer Non-Human Identities (NHIs) sauber verwaltet, hat den halben Weg zu Agent Identity schon hinter sich.

Klein anfangen und lernen

Starte mit einem Piloten für KI-unterstützte Access Reviews, bevor du die komplette Provisionierung an einen Agenten übergibst. Sammle Erfahrungen, teste Grenzen aus, verstehe, wo menschliche Kontrolle unverzichtbar bleibt. Human in the Loop ist hier gesunder Menschenverstand.

Identity Fabric als Rahmen nutzen

Wer seine IAM-Architektur modular, serviceorientiert und integrationsfähig aufbaut – häufig auch als „Identity Fabric“ bezeichnet – schafft die notwendige Flexibilität, um neue Bausteine wie Agent Identity kontrolliert einzufügen, ohne die bestehende Architektur grundlegend neu aufzusetzen.
„Identity Fabric“ ist dabei weniger ein normierter Industriestandard als vielmehr ein Architekturkonzept: ein vernetztes, lose gekoppeltes Identitätsökosystem, das unterschiedliche Identity-Services orchestriert. Genau diese Modularität wird entscheidend sein, wenn KI-Agenten als neue Identitätsklasse hinzukommen.

Fazit

Unser Take zu Agentic AI im IAM

  • Agentic AI verändert IAM grundlegend: KI-Agenten werden zu eigenständigen Akteuren in der IT-Landschaft. Unternehmen müssen sich jetzt damit auseinandersetzen, wie sie diese Agenten sicher verwalten.
  • Zwei Seiten derselben Medaille: Agentic AI automatisiert IAM-Prozesse, schafft aber gleichzeitig eine völlig neue Kategorie von Identitäten, die verwaltet werden will.
  • Hype überholt die Praxis: Die Versprechen der Anbieter klingen verlockend, aber ohne solide IAM-Grundlagen wird Agentic AI zum Risiko statt zur Lösung.
  • Jetzt die Basis stärken: Wer seine bestehenden Identitäten, Non-Human Identities und die eigene IAM-Architektur in Ordnung bringt, ist für den nächsten Schritt bestens vorbereitet.
  • Identity Fabric denken: Ein modularer Ansatz gibt dir die Flexibilität, Agent Identity später einzubauen, ohne alles neu aufzusetzen.

Der Markt rund um Agentic AI im IAM bewegt sich gerade enorm. Wir bei amiconsult beobachten die Entwicklungen bei den großen Herstellern genau, kennen die Möglichkeiten und sehen auch die Grenzen. Wenn du wissen willst, was davon für dein Unternehmen relevant ist und wie du dich aufstellen solltest, sprich uns an. Gemeinsam schauen wir drauf.

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